Konzertrückblick Saison 2015/16

Statt einer Kritik ein Rückblick auf die Saison 2015/2016

Mit dem Konzertabend „Jubilate – Cantate“ („Jauchzet“ – „Singet“), den Namen der beiden Sonntage nach Ostern, hat KDM Jürgen Schmeer mit seinem Figuralchor Düsseldorf die Konzertsaison 2015/2016 beendet. Wie wir es seit sehr vielen Jahren immer wieder erfahren dürfen, gehört diese wunderbar lange Konzertstunde zum Eindringlichsten, was aus der Musik der Jahrhunderte unter jeweils klug gewähltem Thema dem Düsseldorfer Kirchenkonzertpublikum übermittelt wird. Jürgen Schmeer ist dabei ein tiefgründig beredter Sachwalter, gibt er doch zu jedem der Konzertabschnitte eine kurze, sehr einprägsame Einführung, die sein Chor danach in stimmungsvolle Klänge setzt.

Der heute letzte Abend der Saison 2015/2016 stellte A-cappella-Werke religiöser und weltlicher Art vor und umfasste einen Zeitraum von mehr als 400 Jahren bis in unsere Zeit hinein. Die Kuppelapsis der Johanniskirche mag dazu beitragen, dass sich die Chorstimmen transparent entfalten können und das Kirchenschiff füllen, ein Klang, der die Welt da draußen vergessen lässt und den Konzertbesucher schon nach wenigen Takten vollkommen in Bann zieht.

Schmeer begann mit drei „Jauchzet dem Herrn“-Motetten aus der Zeit der Romantik und stellte zwischen zwei von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809 – 1847) komponierten, eine von Otto Nicolai (1810 – 1849). Selten hört man Kirchenmusik dieses in Königsberg/Ostpreußen geborenen Komponisten. Es ist auch meine Geburtsstadt – sie wurde es 90 Jahre nach Nicolais Tod. Nicolais Motette klingt strenger, protestantischer, während die von Mendelssohn, dem zum Protestantismus konvertierten Juden, musikalisch dem Licht, dem Himmel, den Engeln näher scheint.

Bewundernswert meisterte der Chor unter Jürgen Schmeer im 3. Konzertteil „Cantate“ Johann Sebastian Bachs Motette für zwei vierstimmige Chöre „Singet dem Herrn ein neues Lied“, BWV 225. Es schien wie ein Wunder, dieses komplexe Meisterwerk Bachscher Vokalpolyphonie von einem Laienchor (hier 23 Damen und 15 Herren) singen zu lassen, ist doch auch kaum ein Hörer fähig, das wild verflochtene Stimmengeflecht übergreifend und transparent zu hören. Es war der Höhepunkt des Abends, von Schmeer wunderbar in eine vielgliedrige Stimmenszene gesetzt und gehalten, vom Chor mit intensivem Ausdruck und leuchtender Transparenz gesungen. Mehr als nur einen Moment lang schien es mir, als sei die polyphone Meisterschaft des Bach-Vorgänger Heinrich Schütz (1585 – 1672) wie ein fernes Echo in Bachs Werk zu hören. Vor 60 Jahren und auch noch einige Jahre danach konnte man im Dom von San Marco in Venedig ohne jeden Einhalt auf die Emporen gehen – wie oft glaubte ich dann, wenn es im Dom ganz still war, unter den Goldmosaiken die Musik von Giovanni Gabrieli und die seines Schülers Heinrich Schütz zu hören. Schütz‘ Motette für vierstimmigen Chor, „Cantate Domino canticum novum“, war dann auch das zweitletzte Werk des Abends.

Schmeer schloss mit einer Motette selben Themas von John Rutter (geb. 1945), deren klanglich modern anmutender Kosmos dennoch tief in die Jahrhunderte zurückzureichen scheint. Ohne spürbare Zeichen einer Erschöpfung meisterte der Chor auch dieses wunderbare Werk ausdrucksstark. Erst nach einer sehr sehr langen „Sekunde“ setzte der zaghafte, sich zunehmend steigernde Beifall des beeindruckten Publikums ein!

Unvergessen ist mir noch, das will ich hier noch gern anfügen, die Aufführung des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach, die Kantaten I – III, V und VI, mit dem Figuralchor Düsseldorf, seinem Bach-Collegium unter KMD Jürgen Schmeer am 20.12.2015 in der Düsseldorfer Johanneskirche. Die Musik dieses Abends, die für mich zu jeder Vorweihnacht dazu gehört, erlebte ich als eine tief eindringliche, ja bekenntnishaft interpretierte Offenbarung, die mir noch Wochen und Monate nachgegangen ist – das kannte ich bisher nur nach Wagner-Opern.

Mit besten Grüßen an den Chor und seinen Klangmeister bin ich in Vorfreude auf weitere Konzerte.

Wolfgang D. Weithäuser
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