Konzertrückblick 19. März 2017

Konzert am 19. März 2017, 18:00 Uhr, Johanneskirche, Martin-Luther-Platz, Düsseldorf-Mitte

Figuralchor Düsseldorf mit seinem Bach-Collegium; Solisten: Geesche Bauer (Sopran), Elvira Bill (Alt), Wolfgang Klose (Tenor; Evangelist), Andreas Normann (Tenor; Petrus, Pilatus), Rolf A. Scheider (Bass; Jesus)

Programm

Georg Muffat 1653 – 1704
Sonata in g (aus „Armonico tributo“)

Reinhard Keiser 1674 – 1739
Passio secundum Marcum – Markuspassion

Für einen bekennenden Konzertgänger ist es ein besonderer Glücksfall, eine Aufführung der Markuspassion von Reinhard Keiser zu erleben, dem Zeitgenossen J. S. Bachs, dessen Passionen ohne die seines Komponistenkollegen kaum zu denken sind. Relativ selten stößt man überhaupt im Konzertbetrieb auf ein Werk dieses Komponisten, der einst zur Zeit Bachs, Händels, Telemanns und Matthesons als einer der bedeutendsten der Musikwelt galt und von den Genannten als hoch gerühmter Komponist gesehen wurde. Hin und wieder entschließt sich ein Chorleiter, Keisers Markuspassion aufzuführen. Und auch Aufnahmen dieses Werks sind selten. Keiser, der nur wenige Jahre vor J. S. Bach geboren wurde, war insbesondere in seiner Hamburger Zeit als Leiter und Dirigent an der Hamburger Gänsemarktoper und späterer Domorganist ein viel gespielter Komponist, dem allein für die Gattung Oper etwa 70 Werke zugeschrieben werden.

Dass der Besuch einer Aufführung der Keiser zugeschriebenen Markus-Passion, die Urheberschaft des Werks ist nicht abschließend gesichert, dem Abhören einer Aufnahme vorzuziehen ist, zeigte sich jetzt in der Düsseldorfer Johanneskirche, in der der Dirigent Jürgen Schmeer mit dem Düsseldorfer Figuralchor, instrumental unterstützt von dessen Bach-Collegium, und fünf Gesangssolisten Keisers Markuspassion zu einem beeindruckenden Erlebnis machten. Aufnahmen von Keisers Markuspassion können das Konzerterlebnis nicht ersetzen, schleicht sich beim Abhören doch leicht das Gefühl einer gewissen Monotonie ein, die der wechselnden instrumentalen Begleitung der Gesangsstimmen zuzuschreiben sein mag. So werden nur die rezitativischen Worte Jesu mit einem zart klingenden Streicher-Akkompagnato unterlegt, wodurch sie eine ganz besondere Ausstrahlung erfahren, während die Rezitative der anderen Stimmen sich mit einer nahezu monotonen Continuo-Begleitung begnügen müssen.

Zweifelsohne hat Keiser als Opernkomponist seine melodische Erfindungskraft und vor allem seinen Sinn für lyrische Passagen auch in seine Passionsmusik eingebracht, er schrieb sechs Passionen, unterordnet sie aber völlig dem Ernst der Leidensgeschichte Jesu, die er in der Markuspassion erst in der Nacht vor der Kreuzigung auf dem Ölberg beginnen und mit der Grablegung Jesu enden lässt. Jürgen Schmeer setzte an diesem Abend auf eine ausdrucksstarke wie zugleich lyrische, doch nie opernhafte Interpretation des Werks, dazu auf ein sensibel abgewogenes Maß der orchestralen wie chorischen Stimmführung, was im Verlauf der Aufführung zunehmend zur vertiefenden Spannung und Eindringlichkeit des Werks beitrug. So waren auch die Arien voll ausgefeilter innerer Spannung, hatten dank Keiser keine bis nur spärlichste Wiederholungen, etwa die Tenorarien “Wenn nun der Leib …” (Wolfgang Klose) oder “Wein, ach, wein jetzt …” (Andreas Normann), die nur von einer melodiös tragenden Oboenstimme unterlegte Sopran-Arie “O Golgatha!” (Geesche Bauer) oder die violinenbegleitete Alt-Arie “Klaget nur …” (Elvira Bill). Von absolut lyrischer Stimmfärbung getragen beeindruckte die Jesus-Arie “O süßes Kreuz …”, die der Bassist Rolf A. Scheider mit sanfter wie anrührender Eindringlichkeit vortrug.

Was den Einsatz der chorischen Stimmen betraf, so forderte Schmeer mit klarer und zwingender Zeichengebung die Turba-Chorpassagen besonders heraus, etwa die der Schmähungen Jesu vor Gericht durch das Volk oder die Worte “Kreuzige ihn!”, die der Chor wie einen triumphierenden Aufschrei messerscharf dem still gebannten Besuchern geradezu ins Herz stieß.

Die eingangs der Aufführung vom Bach-Collegium interpretierte Muffat-Sonate, eine angemessene musikalische Hinführung zu Keisers Passion, zeichnete sich durch die klare instrumentale Diktion und barocke Spielfreude aus.

Von diesem Abend nahm man den Eindruck mit nach Hause, dass die vom Bassisten Rolf A. Scheider interpretierte Stimme Jesu als Fundament der Aufführung diente, um die sich die anderen Solisten, der Chor und die Instrumentalisten wie ein schützender Kokon formierten, ganz konzentriert auf Inhalt und eindringlichen Ausdruck des Werks. Jürgen Schmeer ist es wieder einmal mit seinem Ensemble und den dazu engagierten Solisten gelungen, in der Düsseldorfer Johanneskirche ein Zeichen lebendiger Kirchenmusik zu setzen.

Düsseldorf, 20.03.2017

Wolfgang D. Weithäuser
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